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Ausbildungsstandards

Ausbildungsstandards

Die Ausbildungsstandards für Bilinguales Lehren und Lernen auf einen Blick

Leitgedanken

Für die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter des Europalehramts gelten neben den Standards der Zielsprache Englisch bzw. Französisch und den Standards des jeweiligen Sachfachs ergänzend die vorliegenden Ausbildungsstandards des Europalehramtes. Im bilingualen Sachfachunterricht der Grundschule sind primär die inhaltlichen und methodischen Kompetenzen des jeweiligen Sachfachs von Bedeutung. Die angehenden Europalehrkräfte verfügen entsprechend über eine fundierte sachfachbezogene Sprachkompetenz, um Inhalte aus ihrem Sachfach in den beiden Zielsprachen altersgemäß vermittels zu können.

Des Weiteren besitzen die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter eine kulturelle Kompetenz, die es ihnen ermöglicht, den Schülerinnen und Schülern den Europagedanken im Kontext des interkulturellen Lernens nahe zu bringen.

 

Die folgenden Themen und Inhalte haben eine zentrale Funktion:

  • Angemessene Auswahl der Sachfachinhalte
  • Verknüpfung didaktischer Prinzipien des Sachfachs mit denen der Arbeitssprache
  • Englisch oder Französisch
  • Funktionalisierung der beiden Arbeitssprachen Englisch/Französisch und Deutsch
  • Keine epochale Unterrichtsplanung mit jeweils nur einer Arbeitssprache
  • Berücksichtigung einer didaktischen Reduktion
  • Beschreibung, Analyse und Bewertung der Eignung von Lehr- und Lernmitteln
  • Reflektierter Einsatz von (authentischen) Medien und Materialien
  • Anschaulichkeit, klare Strukturierung und Handlungsorientierung als BLL- Prinzipien
  • Angemessenheit  rezeptiver, reproduktiver und produktiver Lernleistungen
  • Gütekriterium Objektivität, d.h. Vergleichbarkeit zwischen bilingualen und
  • monolingualen Lernleistungen
  • Fehlertoleranz in der Arbeitssprache Englisch/Französisch als Unterrichtsprinzip

 

 

Fachspezifische Ausbildungsstandards

10 grundlegende Leitgedanken zur Didaktik und Methodik des bilingualen Sachfachunterrichts in der Grundschule von Thomas Denk

 

Leitgedanke 1

Bilinguales Lehren und Lernen hat zum Ziel, Inhalte des Sachfachs in zwei Arbeitssprachen zu vermitteln. Bilinguales Lehren und Lernen versteht sich damit eindeutig nicht als zusätzlicher oder ergänzender Fremdsprachenunterricht.

Ziel des bilingualen Sachfachunterricht ist aber auch, fremdsprachliche Kompetenz durch den Gebrauch der Fremdsprache als Vehikularsprache zu erweitern. Bei zwei Wochenstunden Fremdsprachenunterricht in der Grundschule kann die Intention des bilingualen Lehren und Lernens nicht primär Sprachproduktion sein, sondern vielmehr Sprachrezeption über Hörverstehen.

 

Leitgedanke 2

Voraussetzung für einen motivierenden, effizienten und erfolgreichen bilingualen Unterricht ist eine hohe Fremdsprachenkompetenz der Europalehrenden und eine ebenso ausgeprägte Empathie für ein altersgemäßes Sprachregister. Die höchste Fremdsprachenkompetenz nützt wenig, wenn die Lehrperson nicht weiß oder nicht sicher ist, auf welchem Sprachniveau die Kinder der unterschiedlichen Altersstufen anzusprechen sind, handelt es sich doch im bilingualen Sachfachunterricht um Arbeitssprachen, also einem Mittel zum Zweck.

Dieses Wissen um effektive didaktisch-methodische Strategien des bilingualen Sachfachunterrichts muss sich harmonisch mit der Fremdsprachenkompetenz und der Didaktik des Englisch- oder Französischunterrichts ergänzen.

 

Leitgedanke 3

Bislang gibt es für den bilingualen Unterricht keine Gesamtdidaktik, die gleichermaßen für die Teilbereiche Sachfach und Fremdsprache gilt. Vielmehr braucht jedes Fach seine eigene Didaktik und Methodik, um den Inhalten des bilingualen Unterrichtens gerecht zu werden und deren Intentionen zu erreichen.

Postulat: ->Zugeständnisse sind auf beiden Seiten von Nöten und dies sowohl von Sachfachdidaktikern als auch von Fremdsprachdidaktikern. Dies bringt mit sich, dass zunächst Abstriche im inhaltlichen Bereich zu akzeptieren, zu berücksichtigen und einzuplanen sind. Gleichermaßen müssen sich aber auch die Fremdsprachendidaktiker mit zu hohen Forderungen oder Erwartungshaltungen zurücknehmen.

Ein realistischer bilingualer Sachfachunterricht kann nur in Fächern wie Sport oder Bildende Kunst zu einem größeren Anteil in der Fremdsprache als Arbeitssprache stattfinden. Grundsatzforderungen mit 70 Prozent und mehr in der Fremdsprache sind in der Grundschule fiktiv und unrealistisch, denn wir haben es nicht mit Kindern zu tun, die wie das Schülerklientel der Europäischen Schule zweisprachig aufwachsen, erzogen und unterrichtet werden. Hinkende Vergleiche mit Schülerinnen und Schülern aus Aussiedler- oder Zuwandererfamilien, oder Diskussionen über südeuropäische Gastarbeiter oder Mitbürger türkischer Herkunft sind in dieser Phase des bilingualen Lehrens und Lernens eher redundant als hilfreich.

 

Leitgedanke 4

Überzeugende Didaktiken und methodische Prinzipien eines modernen Unterrichts der bilingual gelehrten Sachfächer können sich nur entwickeln aus einem harmonischen Teamgeist und einer intensiven Zusammenarbeit der Vertreter der entsprechenden Sprach- und Sachfächer.

Beteiligt sein müssen hier in erster Linie erfahrene Praktiker (unterrichtende Europalehrer/innen) und pragmatisch denkende und agierende Theoretiker aus Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Seminaren. Empirische Untersuchungen an Grundschulen stecken noch immer in den Kinderschuhen und die Unterrichtspraxis befindet sich auch noch nach circa zweieinhalb Jahren im bilingualen Neuland.

 

Leitgedanke 5

Für die bilingualen GS-Fächerverbünde

  • Mensch, Natur und Kultur (MeNuK)
  • Bewegung, Spiel, Sport (BSS)

und die Fächer katholische/evangelische Religion, sowie Mathematik gilt das gleiche Curriculum wie das der monolingualen Variante.

Das heißt: das Curriculum jedes bilingualen Sachfachs ist das des Sachfachs, nicht das des Fremdsprachenunterrichts. Dies gilt auch für das Kernfach Mathematik. Die Kernfachinhalte und ihre entsprechenden Bildungsstandards bilden hier keine Ausnahme. Dies muss besonders für das Kernfach Mathematik berücksichtigt werden.

Der Fremdsprachenunterricht profitiert jedoch davon, dass die Arbeitssprachen Englisch oder Französisch nicht Unterrichtsgegenstand des bilingualen Lehrens und Lernens sind, sondern sich als Instrument dessen verstehen. Dieses moderne Lernmedium hat ausschließlich Vehikelfunktion. Aus dieser Tatsache erklärt sich logisch und konsequent, dass jede Form der Leistungsfeststellung und -messung, sowie Leistungsbewertung in der Arbeitssprache Deutsch stattfinden muss.

Nur so können Leistungsbeurteilungen für Lernende und deren Eltern nachvollziehbar sein. Hier ist es sehr wichtig zu berücksichtigen, dass Leistungsmessung nur dann objektiv ist, wenn sie Bedingungen wie Durchführungs-und Auswertungsobjektivität, Validität und Reliabilität erfüllen. Sie ist vor allem dann angesagt, wenn nicht alle Parallelklassen bilingual unterrichtet werden. Schließlich geht es nicht darum, Kindern, die in der Fremdsprache schwach sind, den Notenschnitt eines bilingualen Sachfachs zu drücken. Die Noten des Bilingualfachs sollen die des Sachfachs dokumentieren, nicht die des Kernfachs Englisch oder Französisch.

 

Leitgedanke 6

Die Crux eines jeden bilingualen Sachfachs ist die Diskrepanz zwischen der kommunikativen Kompetenz in der Fremdsprache und dem geistigen Leistungsniveau im Sachfach. Dieses natürliche Problem beschränkt sich nicht nur auf die Grundschule, sondern gilt gleichermaßen für die gesamte Sekundarstufe.

Will man dieser Gegebenheit begegnen, ist differenziertes Vorgehen in mikro- und makromethodischen Bereichen angesagt. Dabei bieten sich zunächst für jede einzelne Unterrichtsstunde folgende Bilingualvarianten mit den Arbeitssprachen Englisch/Französisch und Deutsch in folgender zeitlicher Blockabfolge an:

-           Variante 1: Englisch – Deutsch

-           Variante 2: Deutsch – Englisch

-           Variante 3: Englisch – Deutsch – Englisch (Sandwich 1)

-           Variante 4: Deutsch – Englisch – Deutsch (Sandwich 2)

Ein variabler, spontaner oder ungeplanter Wechsel der Arbeitssprache bringt Verwirrung, Unruhe und Frust in den Unterricht. Deshalb muss innerhalb der vier Varianten ein Codeswitching (Wechsel von einer zur anderen Arbeitssprache) tunlichst vermieden werden. In jedem Modul hält sich der Lehrende an die von ihm intendierte Arbeitssprache, während die Lernenden auf Deutsch antworten dürfen.

 

Leitgedanke 7

Von großer Wichtigkeit ist in der Didaktik und Methodik des bilingualen Lehrens und Lernens die Bedeutung und Gewichtung von Fehlertoleranz und Fehlerkorrektur. Die Richtlinien des Bildungsplans in der Fremdsprachendidaktik des frühen Englisch- oder Französischunterrichts stellen Fehlertoleranz vor Fehlerkorrektur. Mit diesem methodischen Ansatz orientiert sich die Fremdsprachendidaktik am natürlichen Mutterspracherwerb. Im Fremdsprachenunterricht der Grundschule wie im regulären Sprachunterricht der Sekundarstufe spielt demnach die sprachliche Korrektheit eine größere Rolle als im bilingualen Sachfachunterricht. Hier muss es grundsätzlich um individuell notwendige und möglichst sachrichtige Aussagen gehen. Ein Sachfach zielt auf Präzision in der Sache, eine Fremdsprache zielt über die Fertigkeit des Hörverstehens auf kommunikative Kompetenz.

Im bilingualen Unterricht ist es damit an der Lehrkraft, Strategien zu entwickeln. Dabei sind die von den Lehrenden gestellten Fragen in differenzierter Form von entscheidender Wichtigkeit: die am häufigsten gestellte Fragen sind die Globalfragen. Sie sind aber auch die schwierigsten, wenn die Zielsprache (Arbeitssprache) Englisch/Französisch ist. Dies liegt daran, dass Grundschüler hier nur über eingeschränkte Redemittel verfügen. Entscheidungsfragen hingegen bieten Schülern und Schülerinnen eine Erleichterung, können sie doch hier die vorgegebene Antwort sprachrezeptiv herausfiltern.

Die leichteste Form der Frage ist die Suggestivfrage, die vor allem schwächeren Kindern Erfolgserlebnisse sichert und damit auch den bilingualen Sachfachunterricht nicht zu Frusterlebnissen macht.

Weitere hilfreiche Techniken sind das so genannte „Prompting“ (unterstützendes Zuflüstern durch die Lehrkraft) und das „Bridging“ (Schlagen von Brücken Verdeutlichen durch Vergleiche).

Diese methodischen Strategien erlauben es der Lehrkraft, die Einsprachigkeit innerhalb eines Sprachmoduls konsequenter einzuhalten. Die Praxis zeigt dennoch, dass sich nicht immer vermeiden lässt, in Ausnahmefällen auf die Strategie des „Quotings“ (Zitierens mit dem deutschen Ausdruck; z.B. “…what we call in German Maikäfer“, für den im anglo-amerikanischen Lebensraum beheimateten junebug.

Durch solche Minimalexkurse in die Aufgeklärte Einsprachigkeit bleibt der monolingual geführte Unterrichtsdiskurs des Moduls in der Fremdsprache einerseits authentisch und glaubwürdig, und andererseits verlieren die sprachlich weniger gewandten Schüler/innen das Interesse an den Unterrichtsinhalten nicht gleich früh.

 

Leitgedanke 8

Interkulturelle Kompetenz und deren Förderung hat zentrale Bedeutung im Fremdsprachenunterricht, ist doch diese Kompetenz Eckpfeiler des Bildungsplans von 2004. Konsequenterweise müssen beim bilingualen Lehren und Lernen interkulturelle Aspekte und Unterschiede bewusst gemacht werden.

Sprache ist ein Teilaspekt einer jeden Kultur, aber eben nur ein Part eines komplexen Kulturkonstrukts. Entsprechend wichtig ist es daher, Kinder schon frühzeitig auf interkulturelle Unterschiede aufmerksam zu machen und ihnen diese zu verdeutlichen.

Je früher eine solche Sensibilisierung einsetzt, desto besser und größer werden Akzeptanz und Toleranz für Fremdes und Neues in ihrem zukünftigen Leben. Dennoch ist hier zu bedenken, dass sich die Inhalte des Sachfachs primär auf die Gegebenheiten und die Bewusstseinsinhalte der deutschsprachigen Kultur beziehen. Es ist an den Lehrenden des Europalehramts, oder auch denen, die adäquate Kompetenzen vorweisen können, zu entscheiden, interkulturelle Aspekte nach dem wie und wann zu nutzen und im bilingualen Sachfachunterricht einzusetzen.

 

Leitgedanke 9

Für jedes bilinguale Sachfach wird ein speziell entsprechender Wortschatz an Fachbegriffen und Kollokationen benötigt. Es ist daher wichtig, ein Großteil dieses Vokabulars integrativ im Fremdsprachenunterricht zu semantisieren. Mit diesem herausgearbeiteten Wortschatz lassen sich dann zeit- und arbeitsaufwendige Unterrichtsphasen vermeiden – die Vorentlastung findet verzahnt und ergänzend im Fremdsprachenunterricht statt, damit die notwendigen Sprachmittel im bilingualen Sachfachunterricht zur Verfügung stehen. Dabei ist darauf zu achten, dass hier deutlich differenziert wird zwischen dem so genannten source vocabulary, einem Wortschatz, mit dem nur gezielt einmal Inhalte vermittelt werden, und den basic content words, die immer wieder auch in anderen Themenfeldern auftauchen und im Unterrichtsdiskurs Verwendung finden.

Während diebasic content words die Gültigkeit eines aktiven Wortschatzeshaben, ist dassource vocabulary als passiver Wortschatzeinzustufen und hat damit sekundäre Bedeutung.

 

Leitgedanke 10

In den Grundschulklassen mit ihrem heterogenen strukturierten Schülerklientel sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass in den bedarfsorientierten Fächerverbünden inhaltlich und methodisch binnendifferenziert geplant und unterrichtet wird. Das heißt: eine Differenzierung muss nach den hier beschriebenen Möglichkeiten und Strategien Anwendung finden. Der 45-Minutentakt sollte nur in der Ausbildungs- und Prüfungsphase des Europalehramts Bedeutung haben. Im Schulalltag hingegen sollte er hingegen problemlos aufgehoben werden können, um Lernergebnisse zu optimieren.

Abschließend sei betont, dass für den bilingualen Sachfachunterricht der Grundschule, der noch immer am Anfang ist, Möglichkeiten der Fortbildung aufgegriffen und genutzt werden sollten. Wenn Universitäten, Pädagogische Hochschulen, Seminare und Ausbildungsschulen sich hier in harmonischer Zusammenarbeit ergänzen, hat das frühzeitige  bilinguale Lehren und Lernen die Bildungschance, die es verdient hat. In diesem Sinne: Carpe diem.



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